Verraten und verkauft

Seinen Arbeitsplatz gibt man nicht so einfach auf. Vor allem dann nicht, wenn man mit den Ergebnissen seiner Arbeit zufrieden und mit dem Produkt verbunden ist. Und das sind – oder besser waren – eigentlich alle Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion von t-online.de. Viele Mitarbeiter kennen das Portal von Anfang an, haben es nach der Jahrtausendwende aufgebaut und großgemacht. Dennoch hatten viele von uns ein mulmiges Gefühl im Bauch, als am Ende der Verkauf an den Werbeflächenvermarkter Ströer feststand. Wie sicher sind der eigene Arbeitsplatz und der Standort Darmstadt? Was hat ein Vermarkter mit uns zukünftig vor? Fragen, auf die einige keine passenden Antworten fanden und deshalb dem Betriebsübergang widersprachen. Ein Schritt nicht ohne Risiken und vor allem nicht ohne Druck. Druck seitens der Deutschen Telekom AG!

Portal-Mitarbeiter vom „Goldenen Handschlag“ ausgeschlossen

Im Herbst 2015 lief bei uns wieder einmal ein Programm zum Abbau von Stellen, das – betriebsbedingte Kündigungen sind und waren durch gute Tarifverträge ausgeschlossen – auf Freiwilligkeit basierte. Im Klartext: hohe Abfindungen im Bereich von zwei bis drei Jahresgehältern, damit die gesteckten Ziele erreicht werden. Verlockende Summen, von denen die Mitarbeiter des Portals T-Online jedoch ausgeschlossen waren. Die Telekom wollte das Redaktions-Geschäft unbedingt abstoßen. Sei es durch eine Ausgründung mit anschließendem Verkauf an einen Investor, oder durch eine alleinige Ausgründung. Ein General Interest Portal passte nicht mehr ins Programm der Strategen aus Bonn, ein Verkauf mit reduzierter Mannschaft jedoch auch nicht. Das Personal sollte unbedingt gehalten werden.

Portal-Mitarbeiter mit deutlichen Worten Kündigung angedroht

Im Vorfeld des Verkaufs legte die Telekom deshalb stets die Betonung auf den Umstand, bestehende Arbeitsverhältnisse im Falle von Widersprüchen gegen einen Betriebsübergang nicht weiterzuführen zu wollen. Im Rahmen einer Mitarbeiterversammlung vor dem Betriebsübergang machten Vertreter des Konzerns dies auf einer Mitarbeiterversammlung noch einmal vor versammelter Mannschaft sehr deutlich. Die Arbeitsverhältnisse gehen auf den neuen Besitzer über, ein Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen besteht in diesem Fall nicht. Und auch wenn es sich hier rein rechtlich gesehen nur um ein mögliches Szenario handelte, wurde es doch sofort zum Hauptthema auf den Fluren. Last but not least sind die Bedingungen auch noch einmal in den Übergangsschreiben an die Mitarbeiter festgehalten. Dort heißt es im Wortlaut:

[ZITAT] Sollten Sie dem Übergang widersprechen, wird die Deutsche Telekom AG Ihnen gegenüber – nach Prüfung individueller Voraussetzungen – gegebenenfalls eine betriebsbedingte Kündigung aussprechen müssen. Dem steht nicht die oben unter Ziffer II. 10. angesprochene Gesetzesregelung des §613a Absatz 4 Satz 1 BGB entgegen, da eine solche Kündigung nicht wegen des Betriebsübergangs, sondern wegen der gegebenenfalls fehlenden Weiterbeschäftigungsmöglichkeit erfolgen würde. Die Vorschrift des §613a Absatz 4 satz 2 BGB lässt die Kündigung aus einem anderen Grund als dem Betriebteilsübergang ausdrücklich zu. Aus derzeitiger Sicht besteht im Fall einer betriebsbedingten Beendigungskündigung kein Abfindungsanspruch. In diesem Zusammenhang weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass der arbeitgeberseitige Verzicht auf betriebsbedingte Beendigungskündigungen nach dem TV Ratio Deutsche Telekom AG im Falle eines solchen Widerspruchs nicht eingreift, da keine Rationalisierungsmaßnahme im Sinne des TV Ratio vorliegt. [ZITAT ENDE]

Dort geht es zum Ausgang .... (Symbolbild @ stock:xchng)

Dort geht es zum Ausgang …. (Symbolbild @ stock:xchng)

Bei den Kollegen, die den Schritt in die neue GmbH wagen wollten, wurden hingegen große Erwartungen geweckt. Von der berühmten goldenen Zukunft war zwar nicht die Rede, die Geschäftsführung wurde jedoch nicht müde, um die Mitarbeiter zu werben. Von großen Plänen und lösbaren Aufgaben für die Zukunft war hier die Rede; von Wachstum und Zukunftsperspektiven. Im Mittelpunkt der monatlichen Gesprächsrunden standen dabei immer die Kolleginnen und Kollegen: „Kommt mit uns, denn wir brauchen euch“, lautete die Botschaft.

Worthülsen eines „zahnlosen Tigers“?

In der Rückbetrachtung leere Worthülsen von Managern, die im neuen Konzern kaum noch etwas zu melden haben, oder inzwischen sogar direktes Diktat aus Köln erhalten. Noch vor Ablauf der schützenden Jahresfrist wurde die Belegschaft mit Bussen in Versammlungsräume gekarrt, um ihnen die Botschaft der geplanten Teilbetriebsschließung zu überbringen. Insgesamt 108 Arbeitsplätze möchte der Ströer-Konzern aus „strategischen Gründen“ in Darmstadt abbauen – das ist jede zweite Stelle im Unternehmen.

Telekom-Vertreter auf einem Auge blind?

Eine weitreichende und – so wird aus der Ströer-Zentrale betont – vor allem strategische Entscheidung. Und hier kommt erneut die Deutsche Telekom AG ins Spiel, die auf strategische Entscheidungen ein Auge haben muss. Oder besser gesagt vier, denn als Großaktionär von Ströer (11,67% der Anteile) besetzt der Telekommunikationsriese insgesamt zwei der sechs Aufsichtsratsmandate bei Ströer.

Was durch Bernd Metzner, Udo Müller und Christian Schmalzl geplant und entschieden wird, musste Michael Hagsphil (Telekom Deutschland GmbH) und Vicente Vento Bosch (Telekom Capital Partners GmbH) im Vorfeld also zumindest bekannt sein. Im besten Fall haben die beiden die Schließung der Online-Redaktion von t-online.de im Rahmen ihres Mandats schweigend geduldet, im schlimmsten sogar billigend in Kauf genommen, oder im allerschlimmsten Fall sogar befürwortet. Die Telekom trägt am Rauswurf der ehemaligen Mitarbeiter entsprechend eine gehörige Mitverantwortung. Wie weit diese geht, ist abschließend noch nicht geklärt.

Ausgründen, Verkaufen und Abhaken

Ausgründen, Verkaufen und Abhaken – ganz egal was mit den Mitarbeitern geschieht. So zumindest kommt den Kollegen das aktuelle Geschäftsgebaren der Telekom vor, die zu dem gesamten Vorgang auffällig schweigt. Vielleicht sind bisher aber einfach nur noch nicht die richtigen Fragen gestellt worden. Da ist es fast schon blanker Hohn, wenn die Telekom in ihren Leitlinien gleichzeitig von Begriffen wie Respekt und Wertschätzung spricht. Die eigenen Mitarbeiter können damit jedenfalls nicht gemeint sein. Die fühlen sich inzwischen in der überwiegenden Mehrheit verraten und verkauft, oder besser gesagt verkauft und verraten.