Mit Raffgier statt Weitblick – Ströer plant die Zukunft von t-online.de

Die Ströer Digital Publishing GmbH verlagert die Redaktion von t-online.de von Darmstadt nach Berlin. Über 100 Arbeitsplätze werden gestrichen, 60 neue sollen in der Hauptstadt entstehen. Die ersten Stellenanzeigen für die neuen Jobs sind online. Und der Inhalt ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der aktuellen Mitarbeiter – was dort gesucht wird, wird von der aktuellen Belegschaft vollumfänglich längst geleistet.

Einen der modernsten Newsrooms überhaupt wolle man aufbauen, heißt es von Ströer-Seite oft zu den Zukunftsplänen rund um das Flaggschiff des deutschen Internets. „Publishing 3.0“ heißt das schmissige Motto. Die Stellenbeschreibungen der neuen Postionen sind allerdings nahezu deckungsgleich mit dem Aufgabengebiet der Redakteure in Darmstadt. Das eigentliche Ziel scheint damit klar: es soll gespart werden.

Kicker und guter Kaffee

Kicker und Kaffee befristet auf zwei Jahre.

Kicker und Kaffee befristet auf zwei Jahre.

Das mag auch der Text der Stellenanzeigen widerspiegeln, denn dort heißt es bei „Das bieten wir u. a.“:

  • Flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege
  • Startup-Feeling in einem jungen, motivierten Team
  • Eine Redaktionskultur, in der man über Ideen nicht nur spricht, sondern diese auch umsetzt, und bereit ist, ein Risiko einzugehen
  • Millionen treue Leserinnen und Leser, die Du mit Deinen Inhalten erreichen & begeistern kannst
  • Einen Kicker und richtig guten Kaffee

Kein einziges Wort zum Thema Bezahlung, aber hey wie geil ist das denn, die haben „Einen Kicker und richtig guten Kaffee“ YYEEEEAHHHH! Und einen versteckten Hinweis auf die niedrige Bezahlung darf man im „Startup-Feeling“ vermuten….

Mach’s mir billig heißt eben auch nur mach’s mir billig

Doch das ist langfristig ein Fehler. Ströer geht mit den 108 Mitarbeitern eine unfassbare Menge Know-how verloren. Denn über die Beschreibung der Arbeitsplätze hinaus gibt es vielfältige Aufgaben, die jetzt schon aus dem redaktionellen Umfeld quasi mit erledigt werden. Kann ein Team aus 60 „Frischlingen“ die jahrelangen Erfahrungen der (noch) bestehenden Redaktion ersetzen? Wohl kaum. Verdacht. Die Kuh wird noch ein oder zwei Jahre gemolken und dann geschlachtet, oder warum steht in der Stellenausschreibung wohl:

Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt befristet für zwei Jahre mehrere Redakteure (m/w) News (t-online.de).

Die Frischlinge kann man mit Zweijahresverträgen natürlich viel einfacher auf die Straße setzen, wenn t-online.de den Bach runter geht.

Die alte Redaktion kann angeblich nicht, was die neue leisten soll?

Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind schon seit mehr 15 Jahren bei t-online.de, doch sie dürfen die Zukunft der Seite nicht mehr mit gestalten. Es sind genau die Mitarbeiter, denen die Geschäftsführung (angeblich) nicht zutraut, den notwendigen Wandel in einem sich ständig ändernden Online-Umfeld zu vollziehen. Dabei macht die Belegschaft genau das sehr erfolgreich – seit 20 Jahren.

Der rückläufige Startseiten-Traffic ist eine der größten Herausforderungen, denen General-Interest-Portale wie t-online gegenüberstehen. Die Generierung von externem Traffic sowie eine sinnvolle Verzahnung mit Social-Media-Kanälen gewinnen immer mehr an Bedeutung. Das und vieles weiteres sind die Schritte, die angegangen werden müssen.

In Darmstadt ist GENAU DAS in den letzten zwei Jahren bereits geschehen. Doch statt auf das bewährte Personal zu zählen und dieses gegebenenfalls entsprechend zu schulen, setzt man die Leute auf die Straße. Ganz sicher geschieht das nicht aus inhaltlich strategischen Gesichtspunkten, wie so gerne beteuert wird. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dem Ströer-Konzern ein Dorn im Auge, weil sie zu gut verdienen! Damit wären wir dann wieder bei „Einen Kicker und richtig guten Kaffee“ und dem Unwillen, in der Stellenausschreibung über die Bezahlung auch nur ein Wort zu verlieren.

Auspressen bis zum Schluss

Dass jetzt 60 (mutmaßlich) weitaus schlechter bezahlte Jobs geschaffen werden, kann nur heißen, dass aus t-online.de die letzten Reste herausgepresst werden sollen. Bei bisher stabilen Umsätzen und einem satten jährlichen Gewinn wohlgemerkt. Wie gesagt, die Stellen sind auf zwei Jahre befristet!

Das alles lässt nur einen Schluss zu: Bei Ströer wird die Zukunft der t-online.de angegangen – allerdings mit Raffgier statt mit Weitblick.

Ströer schließt Redaktion in Darmstadt. Frage: War das nur der Anfang?

Dieses war der erste Streich ….

Wie wir alle wissen hat der Kölner Plakatekleber Ströer am 20. September den über 100 Redakteuren von t-online.de, dem reichweitenstärksten General-Interest-Portal in Deutschland, mitgeteilt, dass sie ihre Arbeitsplätze verlieren werden. Im Rahmen einer „Teilbetriebsschließung“ werde die Redaktion zum 1. 4. 2017 geschlossen und durch eine neue Redaktion mit 60 Mitarbeitern unter dem Dach einer neuen Ströer-Tochterfirma in Berlin ersetzt.

Warum die Arbeitsplätze in Darmstadt zerströert werden, wurde nicht begründet. Das Angebot einer Übernahme nebst Umzug nach Berlin wurde nicht gemacht. Man könne sich in Berlin bewerben …. Die restlichen Abteilungen – vor allem Technik und Produktmanagement – sollen „im Rhein-Main-Gebiet“ bleiben, so die Mitteilung weiter.

Die mehr als 100 Mitarbeiter, die von Ströer nach der gesetzlich vorgeschriebenen Schonfrist von einem Jahr so „entsorgt“ werden, fragen sich eigentlich nur noch: „Warum?“ Eine konkrete Antwort? Bisher Fehlanzeige.

Doch auch für die verbleibenden Mitarbeiter der Ströer Digital Publishing GmbH, vormals Digital Media Products GmbH, vormals und ursprünglich Deutsche Telekom, stellen sich mit Sicherheit mit großer Sorge folgende Fragen:

  1. Für wen macht der Content Management Support (CMS-Support) Support, wenn in Darmstadt niemand mehr da ist, der mit dem CMS-System arbeitet?
  2. Soll der CMS-Support tatsächlich per Telefon oder E-Mail eine neue Redaktion im über 570 Kilometer entfernten Berlin unterstützen?
  3. Klappt, das? Ist das effizient? Macht das überhaupt Sinn?
  4. Wie soll das Produktmanagement wie bisher auf (sehr) kurzen Wegen Dinge mit der Redaktion abstimmen, wenn diese vor Ort nicht mehr existiert, sondern durch neue unerfahrene Leute in Berlin ersetzt wurde?
  5. Wie sollen Sonderthemen oder andere redaktionelle Projekte aber auch Vermarktungen zwischen Produktmanagement und Redaktion konzipiert, besprochen, konkretisiert und bearbeitet werden, wenn Produktmanagement und Redaktion sich nicht mehr zu Konferenzen zusammensetzen können? Zumindest nicht, ohne vorher in den Flieger oder die Bahn zu steigen?
  6. Klappt, das? Ist das effizient? Macht das überhaupt Sinn?
Dieses war der erste Streich ... (Bild: Wilhelm Busch @ Wikipedia)

Dieses war der erste Streich … (Bild: Wilhelm Busch @ Wikipedia)

… und der zweite folgt sogleich?

All das mündet fast zwangsweise in der/n Frage/n:

War die Schließung der Redaktion in Darmstadt nur der Anfang?

Wird bald auch der Rest der Kollegen „abgewickelt“ und ersetzt?

Oder ist es nur eine Frage der Zeit, bis genau das passiert?

Mittlerweile haben längst nicht mehr nur die Mitarbeiter aus der Redaktion die von Ströer engagierten Karriereberater um Rat und Beratung ersucht. Und längs nicht nur Redakteure haben Zwischenzeugnisse angefordert.

Der Fall Ströer zeigt: So ungerecht ist das Recht vor Gericht

„Recht heißt nicht Gerechtigkeit“, witzelt der sachkundige Dozent und Anwalt in seiner Schulung zum Thema Arbeitsrecht. Die zu schulenden Betriebsratsmitglieder schmunzeln, als wäre das ein Witz. Dabei ist das kein Witz, sondern Realität. Und damit ein Skandal.

Denn natürlich hat der Bürger eines Rechtsstaats den berechtigten Anspruch, dass das Rechtssystem ihm im Zweifel Gerechtigkeit für erlittenes Unrecht verschafft. Der Skandal ist, dass es das nicht tut – und das Arbeitsrecht ist ein gutes Beispiel dafür.

Es ist zum Beispiel objektiv ungerecht, wenn ein Konzern-Boss wie Ströer-Chef Udo Müller in seinem erfolgreichen Unternehmen mehr als 100 Arbeitsplätze abbaut, um sie an anderem Ort mit nahezu den gleichen Aufgaben wieder aufzubauen – nur mit geringerem Gehalt, ohne Betriebsrat und ohne Tarifvertrag.

Steuerzahler bezuschusst den Stellenabbau

Es ist objektiv ungerecht, wenn er damit mehr als 100 Existenzen bedroht, die ihm bis dahin mit ihrer Arbeitskraft den Geldbeutel gefüllt haben. Nicht weniger ungerecht ist, dass er sich diesen Abbau via Transfergesellschaft und Arbeitsagentur auch noch vom Steuerzahler bezuschussen lassen kann.

agentur-fuer-arbeit Quelle: Pressebild der Agentur für Arbeit – https://www.arbeitsagentur.de/

In der Folge kann jeder betroffene Kollege nur auf einen guten Betriebsrat, den gewerkschaftlichen Rechtsschutz von ver.di oder eine gute Rechtschutzversicherung hoffen. Denn allein kommt der Betroffene in diesem Geflecht namens Arbeitsrecht kaum durch. Und sitzt er dann vor Gericht, wird er feststellen, dass es da zugeht wie auf einem Basar und nicht wie bei Justitia.

Freshfields wird’s schon richten…

Ströer-Boss Udo Müller hat von den Tücken des Arbeitsrechts wahrscheinlich genauso wenig Ahnung wie seine Mitarbeiter, die er vor die Tür setzen will. Aber er braucht sie auch gar nicht zu haben. Leute wie er beauftragen einfach für teures Geld eine Star-Anwaltskanzlei wie Freshfields Bruckhaus Deringer, um bestehende Gesetze zu seinen Gunsten auszulegen. Die Ungleichheit ist von Anfang an gegeben.
Heute Ströer, davor aber auch schon Burda, IBM oder Siemens: Die Beispiele zeigen, dass betriebliche Mitbestimmung und der Schutz der Arbeitnehmer vor unternehmerischer Willkür dann am schwächsten ist, je folgenschwerer die Entscheidungen sind. Betriebsverfassungsgesetz und Kündigungsschutz sind in ihrer aktuellen Papierform Ausdruck eines Konsenses zwischen Konservativen und Sozialdemokraten, die nach den katastrophalen Ereignissen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der sozialen Marktwirtschaft den sozialen Frieden sichern wollten.

Doch das funktioniert nicht, wenn Konzernlenker wie Udo Müller das Wirtschaften als eine Art PC-Manager-Simulation begreifen. Wenn Gesetze nur daraufhin durchforstet werden, wie sie zum Nachteil der Beschäftigten ausgehebelt werden können. Wenn Manager dafür haftbar gemacht werden können, wenn sie gegen das Wohl der Aktionäre handeln, aber nicht, wenn sie gegen das Wohl ihrer eigenen Beschäftigten handeln.