Ströer schließt Redaktion in Darmstadt. Frage: War das nur der Anfang?

Dieses war der erste Streich ….

Wie wir alle wissen hat der Kölner Plakatekleber Ströer am 20. September den über 100 Redakteuren von t-online.de, dem reichweitenstärksten General-Interest-Portal in Deutschland, mitgeteilt, dass sie ihre Arbeitsplätze verlieren werden. Im Rahmen einer „Teilbetriebsschließung“ werde die Redaktion zum 1. 4. 2017 geschlossen und durch eine neue Redaktion mit 60 Mitarbeitern unter dem Dach einer neuen Ströer-Tochterfirma in Berlin ersetzt.

Warum die Arbeitsplätze in Darmstadt zerströert werden, wurde nicht begründet. Das Angebot einer Übernahme nebst Umzug nach Berlin wurde nicht gemacht. Man könne sich in Berlin bewerben …. Die restlichen Abteilungen – vor allem Technik und Produktmanagement – sollen „im Rhein-Main-Gebiet“ bleiben, so die Mitteilung weiter.

Die mehr als 100 Mitarbeiter, die von Ströer nach der gesetzlich vorgeschriebenen Schonfrist von einem Jahr so „entsorgt“ werden, fragen sich eigentlich nur noch: „Warum?“ Eine konkrete Antwort? Bisher Fehlanzeige.

Doch auch für die verbleibenden Mitarbeiter der Ströer Digital Publishing GmbH, vormals Digital Media Products GmbH, vormals und ursprünglich Deutsche Telekom, stellen sich mit Sicherheit mit großer Sorge folgende Fragen:

  1. Für wen macht der Content Management Support (CMS-Support) Support, wenn in Darmstadt niemand mehr da ist, der mit dem CMS-System arbeitet?
  2. Soll der CMS-Support tatsächlich per Telefon oder E-Mail eine neue Redaktion im über 570 Kilometer entfernten Berlin unterstützen?
  3. Klappt, das? Ist das effizient? Macht das überhaupt Sinn?
  4. Wie soll das Produktmanagement wie bisher auf (sehr) kurzen Wegen Dinge mit der Redaktion abstimmen, wenn diese vor Ort nicht mehr existiert, sondern durch neue unerfahrene Leute in Berlin ersetzt wurde?
  5. Wie sollen Sonderthemen oder andere redaktionelle Projekte aber auch Vermarktungen zwischen Produktmanagement und Redaktion konzipiert, besprochen, konkretisiert und bearbeitet werden, wenn Produktmanagement und Redaktion sich nicht mehr zu Konferenzen zusammensetzen können? Zumindest nicht, ohne vorher in den Flieger oder die Bahn zu steigen?
  6. Klappt, das? Ist das effizient? Macht das überhaupt Sinn?
Dieses war der erste Streich ... (Bild: Wilhelm Busch @ Wikipedia)

Dieses war der erste Streich … (Bild: Wilhelm Busch @ Wikipedia)

… und der zweite folgt sogleich?

All das mündet fast zwangsweise in der/n Frage/n:

War die Schließung der Redaktion in Darmstadt nur der Anfang?

Wird bald auch der Rest der Kollegen „abgewickelt“ und ersetzt?

Oder ist es nur eine Frage der Zeit, bis genau das passiert?

Mittlerweile haben längst nicht mehr nur die Mitarbeiter aus der Redaktion die von Ströer engagierten Karriereberater um Rat und Beratung ersucht. Und längs nicht nur Redakteure haben Zwischenzeugnisse angefordert.

Der Fall Ströer zeigt: So ungerecht ist das Recht vor Gericht

„Recht heißt nicht Gerechtigkeit“, witzelt der sachkundige Dozent und Anwalt in seiner Schulung zum Thema Arbeitsrecht. Die zu schulenden Betriebsratsmitglieder schmunzeln, als wäre das ein Witz. Dabei ist das kein Witz, sondern Realität. Und damit ein Skandal.

Denn natürlich hat der Bürger eines Rechtsstaats den berechtigten Anspruch, dass das Rechtssystem ihm im Zweifel Gerechtigkeit für erlittenes Unrecht verschafft. Der Skandal ist, dass es das nicht tut – und das Arbeitsrecht ist ein gutes Beispiel dafür.

Es ist zum Beispiel objektiv ungerecht, wenn ein Konzern-Boss wie Ströer-Chef Udo Müller in seinem erfolgreichen Unternehmen mehr als 100 Arbeitsplätze abbaut, um sie an anderem Ort mit nahezu den gleichen Aufgaben wieder aufzubauen – nur mit geringerem Gehalt, ohne Betriebsrat und ohne Tarifvertrag.

Steuerzahler bezuschusst den Stellenabbau

Es ist objektiv ungerecht, wenn er damit mehr als 100 Existenzen bedroht, die ihm bis dahin mit ihrer Arbeitskraft den Geldbeutel gefüllt haben. Nicht weniger ungerecht ist, dass er sich diesen Abbau via Transfergesellschaft und Arbeitsagentur auch noch vom Steuerzahler bezuschussen lassen kann.

agentur-fuer-arbeit Quelle: Pressebild der Agentur für Arbeit – https://www.arbeitsagentur.de/

In der Folge kann jeder betroffene Kollege nur auf einen guten Betriebsrat, den gewerkschaftlichen Rechtsschutz von ver.di oder eine gute Rechtschutzversicherung hoffen. Denn allein kommt der Betroffene in diesem Geflecht namens Arbeitsrecht kaum durch. Und sitzt er dann vor Gericht, wird er feststellen, dass es da zugeht wie auf einem Basar und nicht wie bei Justitia.

Freshfields wird’s schon richten…

Ströer-Boss Udo Müller hat von den Tücken des Arbeitsrechts wahrscheinlich genauso wenig Ahnung wie seine Mitarbeiter, die er vor die Tür setzen will. Aber er braucht sie auch gar nicht zu haben. Leute wie er beauftragen einfach für teures Geld eine Star-Anwaltskanzlei wie Freshfields Bruckhaus Deringer, um bestehende Gesetze zu seinen Gunsten auszulegen. Die Ungleichheit ist von Anfang an gegeben.
Heute Ströer, davor aber auch schon Burda, IBM oder Siemens: Die Beispiele zeigen, dass betriebliche Mitbestimmung und der Schutz der Arbeitnehmer vor unternehmerischer Willkür dann am schwächsten ist, je folgenschwerer die Entscheidungen sind. Betriebsverfassungsgesetz und Kündigungsschutz sind in ihrer aktuellen Papierform Ausdruck eines Konsenses zwischen Konservativen und Sozialdemokraten, die nach den katastrophalen Ereignissen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der sozialen Marktwirtschaft den sozialen Frieden sichern wollten.

Doch das funktioniert nicht, wenn Konzernlenker wie Udo Müller das Wirtschaften als eine Art PC-Manager-Simulation begreifen. Wenn Gesetze nur daraufhin durchforstet werden, wie sie zum Nachteil der Beschäftigten ausgehebelt werden können. Wenn Manager dafür haftbar gemacht werden können, wenn sie gegen das Wohl der Aktionäre handeln, aber nicht, wenn sie gegen das Wohl ihrer eigenen Beschäftigten handeln.

20 Jahre Herzblut für T-Online – jetzt macht Ströer die Redaktion einfach dicht

Selbst noch Wochen nach der Hiobsbotschaft des Kölner Konzerns Ströer, die Darmstädter T-Online-Redaktion zu schließen, mehr als 100 erfahrene Online-Redakteure auf die Straße zu setzen und in Berlin einen neuen Newsroom mit anderen Redakteuren aufzubauen, herrscht weiter Rätselraten um das Warum. Für Verdi allerdings liegt der Verdacht nahe, dass Lohnkosten gedrückt werden sollen. Weil zudem nicht bekannt ist, dass bei Ströer in Berlin nach Tarif bezahlt wird, vermutet die Gewerkschaft hinter der Schließung auch eine Form von Tarifflucht.


Die Geschichte des Portals
Ende der 90er Jahre leitete der Werbeslogan „Deutschland geht T-Online“ die Erfolgsgeschichte des Portals ein. Einen erheblichen, wenn nicht gar den wichtigsten Anteil daran hatten die Redakteure, deren Jobs vom neuen Eigentümer Ströer jetzt einfach gestrichen werden.


Hier sehen Sie, welches Maß an Kompetenz, Herzblut, Identifikation, Ideenreichtum und Mut zur Veränderung die Redakteure in 20 Jahren in das Portal gesteckt haben.

Von den Anfängen unter BTX, über Online-Shows mit Thomas Gottschalk, den ersten Weltraumchat bis hin zur heutigen t-online.de. Wir nehmen Sie mit auf eine Zeitreise.

(Hier die Text-Version als PDF)

t-online-1997Auch der neue Eigentümer Ströer schmückt sich gern noch mit der Kompetenz der T-Online-Redaktion, wie hier zu sehen ist http://www.t-online.de/werben/ueber-uns/
20 Jahre – im schnelllebigen Internetzeitalter eine verdammt lange Zeit. 1995 ging t-online.de online und entwickelte sich seitdem vom reinen Internetprovider zum …

20 Jahre werden jetzt an die Wand gefahren
Vor 20 Jahren ging T-Online an den Start – jetzt fährt Ströer das Portal an die Wand. Mit der Auflösung der Darmstädter Redaktion macht der Plakatekleber Ströer rücksichtslos ein gutes Stück Internet- und Mediengeschichte zunichte.  Bei T-Online von Anfang an dabei waren die Redakteure. Sie waren es, die dem Portal im Verlauf der Jahrzehnte sein Gesicht gaben. Erst durch sie wurde T-Online zum größten General-Interest-Portal im deutschsprachigen Netz – und ist es bis heute geblieben.


In dieser Zeit wechselte die organisatorische Zugehörigkeit von T-Online ebenso mehrfach wie die inhaltliche Ausrichtung und die interne Struktur der Redaktion – bis T-Online im Oktober 2015 von der Deutschen Telekom an Ströer verkauft wurde. Trotz der häufigen Veränderungen und Strategiewechsel entwickelte sich die Redaktion kontinuierlich weiter. Sie half mit, den klassischen Journalismus in Deutschland in die Online-Welt zu führen.
Bis zuletzt war die Redaktion mit Herzblut dabei, Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft (Reichweitenverlust, zunehmendes mobiles Nutzerverhalten, Präsenz in den sozialen Medien) zu finden. Aber Ströer-Boss Udo Müller wollte diese Antworten offenbar nicht abwarten, sondern macht einfach einen Strich darunter. Andere, voraussichtlich jüngere und schlechter bezahlte Redakteure sollen das Portal in Berlin nun weiterführen – irgendwie…, vor allem aber wohl ohne Betriebsrat und Tarifbindung.
Typische Strategie von Unternehmen ohne den passenden Willen
Dieser Handstreich ist ganz typisch für einen aktuellen Unternehmertypus, der mit dem Wesen von Redaktionen wenig zu tun hat. Man nutzt die enorme Reichweite und die Inhalte von T-Online nicht, um das Portal weiterzuentwickeln. Eine Leidenschaft für Journalismus, Inhalte und die Bindung der Leser durch spannende Geschichten interessiert nicht mehr. Das sind aber zwingende Voraussetzungen, um ein Internet-Portal wie T-Online in die Zukunft zu führen.


Zwar sind sämtliche Managementbücher voll davon, dass man das richtige Engagement braucht, um langfristig Erfolg zu haben. Auch Erfahrungsberichte erfolgreicher Startups zeigen, dass man Leidenschaft für sein Thema haben muss. Aber nichts von alledem ist bei Ströer zu spüren – zum Leid der T-Online-Redakteure und wohl auch zum Leid der Zukunft des Portals.

Wertschätzung von Mitarbeitern

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Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld weil ich gute Löhne zahle.

Robert Bosch 1861-1942

War ein deutscher Industrieller, Ingenieur und Erfinder
Gründer der heutigen Robert Bosch GmbH

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Nicht Arbeit, nicht Kapital, nicht Land und Rohstoffe sind die Produktionsfaktoren, die heute in unserer Gesellschaft zählen, sondern das Wissen der Mitarbeiter in den Unternehmen.

Peter Ferdinand Drucker 1909 – 2005
War ein US-amerikanischer Ökonom österreichischer Herkunft. Er gilt als Pionier der modernen Managementlehre und als origineller und unabhängiger Denker.

Meine wichtigste Erfahrung als Manager ist die Erkenntnis, dass die Mitarbeiter das wertvollste Gut eines Unternehmens sind und damit auch das wichtigste Erfolgskapital.

Werner Niefer 1928 – 1993

War ein deutscher Automobilmanager
und von 1989 bis 1993 Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz AG.