108 Jobs gezwungenermaßen feierlich zu Grabe getragen

Rest in Peace t-online.de - 108 Jobs beerdigt.

Rest in Peace t-online.de – 108 Jobs beerdigt.

RAUSSCHMISS ANGEKÜNDIGT: Ströer, der neue Eigentümer des größten deutschen General Interest Portals, t-online.de, streicht 108 Stellen in Darmstadt – die gesamte Redaktion. Die geschassten Redakteure haben aus Protest ihre Stellen eingesargt.

(Darmstadt, 23.11.16) Am Donnerstag, den 23. November, strömten pünktlich um 11:45 Uhr mehr als 200 Journalisten und Sympathisanten auf den Gehweg vor dem t-online.de-Gebäude. In Schwarz gekleidet und als Zeichen ihrer Trauer haben sie ihre Jobs symbolisch in einem Sarg beigesetzt.

Neue Redaktion in Berlin geplant

Die Redakteure sind wütend, denn: Der neue Eigentümer, der Außenwerber Ströer, will die Redaktion in Darmstadt schließen. Dafür sollen in Berlin 60 neue Stellen besetzt werden – jedoch nicht von den Darmstädtern. Diese können sich zwar zu neuen Konditionen um die Stellen bewerben – ob sie tatsächlich angestellt würden, bezweifelt das Gros der Belegschaft aber.

Rund 200 Menschen waren zusammen gekommen, um die 108 Jobs, Arbeitsplätze, Existenzen zu beerdigen.

Rund 200 Menschen waren zusammen gekommen, um die 108 Jobs, Arbeitsplätze, Existenzen zu beerdigen.

„Einige Redakteure haben schon T-Online-Artikel geschrieben, als die meisten Deutschen noch gar keinen Internetzugang hatten,“ erinnert einer der Betroffenen in seiner Grabrede. Denn unter der Belegschaft gibt es Redakteure, die seit mehr als 15 Jahren das Portal betreuen.

„Gemeinsame Zukunft“ versprochen

Erst im November 2015 hatte der Kölner Werbevermarkter Ströer das t-online-Portal von der Deutschen Telekom gekauft. In einem Schreiben an die Mitarbeiter war damals die Rede von einer „gemeinsamen, erfolgreichen Zukunft“. Ein Jahr nach dem Kauf will Ströer aber eine Redaktion in Berlin aufbauen. Warum das nicht auch mit den Mitarbeitern aus Darmstadt geht – diese Frage ist bisher unbeantwortet.

Ströer setzt in Darmstadt die Sense an.

Ströer setzt in Darmstadt die Sense an.

„Es wäre anständig gewesen, den Schritt wenigstens ehrlich zu begründen,“ beanstandete der Redner der Trauerfeier, „doch auf Fragen nach dem ‘Warum?’ folgten nur leere Floskeln.“ Ein Ströer-Vertreter habe bei einer Betriebsversammlung gesagt, „die Entscheidung sei ‘auch aus Kostengründen’ gefallen“.

Tarifflucht?

ver.di vermutet hinter dieser Aktion eine reine Tarifflucht. Denn die Darmstädter Redakteure arbeiten nach einem Tarifvertrag, den die Berliner nicht erhalten werden. Für ver.di liegt daher „der Verdacht nahe, dass hier Lohnkosten gedrückt werden sollen“.

Auch der SPD-Landtagsabgeordnete und OB-Kandidat für Darmstadt, Michael Siebel, erklärte sich solidarisch mit den Journalisten.

Quelle: Pressemitteilung ver.di

Die Anteilnahme war groß. Von vielen Betroffenen waren die Familien, von manchen sogar die Eltern anwesend.

Die Anteilnahme war groß. Von vielen Betroffenen waren die Familien, von manchen sogar die Eltern anwesend.

 

Text der Trauerrede:

Kommt doch bitte ein bisschen näher. Darf ich um Ruhe bitten? Das hier ist eine traurige Angelegenheit.
(Warten bis Ruhe)
Liebe Trauergemeinde, danke, dass ihr so zahlreich erschienen seid. Die Telekom hat’s gegeben, der Strö-er hat’s genommen. Wir verabschieden uns heute von der T-Online-Redaktion in Darmstadt. Mit ihr sterben die Arbeitsplätze von 108 Redakteuren. Mögen sie in Frieden ruhen. Noch vor einem Jahr kam die T-Online-Redaktion in das Haus Ströer. Im November 2015 hieß es in einem Schreiben Ströers an die T-Online-Mitarbeiter: “Für Sie als Mitarbeiter wird sich zunächst nichts ändern.”
Hm.
“Sie sind ein erfolgreiches Team mit einem starken, erfahrenen Management und eigenen, spezialisierten Mitarbeitern, auf dessen Know-How wir vertrauen.”
Aha.
“Wir freuen uns auf die gemeinsame Zukunft mit Ihnen.”
Hat so halb geklappt, würde ich sagen.
Mit dem Tod der Redaktion stirbt für viele für einen Moment lang auch der Glauben an andere Werte: Treue, Loyalität, Anerkennung guter und erfolgreicher Arbeit und wirtschaftlichen Erfolges. Doch trauert nicht zu lange: Diese Werte gibt es noch. Anscheinend nur nicht bei Ströer.
Anstand wäre noch so ein Wert, der beim Außenvermarkter in Köln eher unbekannt scheint. Es wäre anständig gewesen, den Schritt wenigstens ehrlich zu begründen. Doch Ströer blieb stumm. Zwar schickte Ströer einen Vertreter seines höchsten Kreises, um die Vernichtung der T-Online-Redaktion zu verkünden. Doch auf Fragen nach dem “Warum?” folgten nur leere Floskeln. Auch wie es mit dir weitergeht, liebe t-online.de, konnte er nicht erklären. Übrigens bis heute nicht. Die Wege des Ströer sind unergründlich – oder er hat schlicht kein Konzept. Drei Mal dürft ihr raten, was ich für wahrscheinlicher halte.
Ein wesentlich niedriger Ströer-Vertreter hatte hier im Forum jedoch einen kurzen Anfall versehentlicher Wahrheit. Die Entscheidung sei “auch aus Kostengründen”  gefallen, sagte er vor den geschassten Redakteuren. So erklärte sich zumindest, warum sie ihren Job selbst dann nicht behalten hätten, wenn sie bereit gewesen wären, nach Berlin zu gehen. Es ist ein törichter Strö-er, der glaubt, mit schlecht bezahlter Arbeit hohe Qualität zu erreichen.
Doch wir sind heute in erster Linie hier, um uns zu verabschieden. Liebe Redaktion, du warst vielen von uns lange Jahre Heimat und Aufgabe. Wir haben dich geprägt, entwickelt und viel mit dir erlebt.
Einige Redakteure haben schon T-Online-Artikel geschrieben, als die meisten Deutschen noch gar keinen Internetzugang hatten. Der digitale Wandel stellte die Redaktion und die anderen Mitarbeiter immer wieder vor neue Aufgaben. Ob die Wichtigkeit von Google, der Einsatz von Video, der Wandel zum Smartphone. Stets begleiteten wir diese Herausforderungen mit neuen Konzepten und Ideen und meisterten diese.
Doch für die meisten von uns war es auch immer mehr als ein Arbeitsplatz. Ausschweifende Weihnachtsfeiern mit anschließender Frühschicht, sommerliche Grillfeste oder manchmal auch fragwürdige Teamevents. Hier sind Freundschaften entstanden – manchmal auch mehr. Es kam zu Beziehungen, sogar Ehen mit Kindern.
So bitter die Situation jetzt auch ist. Wir alle können auf das Erreichte stolz sein und hoch erhobenen Hauptes in die Zukunft blicken. Wer solche Mitarbeiter nicht schätzt, hat sie auch nicht verdient. Andere werden das  erkennen.
Liebe T-Online.de: Viele haben mit dir so viel Zeit verbracht wie mit ihren Freunden und Familien. Nun bist du tot. Deine URL wird bleiben, doch du wirst nie wieder diesselbe sein. Ruhe in Frieden.

Dazugehörige Facebook-Seite: https://www.facebook.com/RIP-T-Online-1730617940591354

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s